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Kunkel, Matthias [mkunkel] - 30. Mar 2012, 12:22

Lernziele und Lernfortschritt in Kursen

Seit vielen Jahren bietet ILIAS die Nutzung von Lernzielen im Rahmen Lernziel-orientierter Kurse an. In diesem speziellen Kurstyp werden dem Teilnehmer Lernmaterialien auf Basis definierter Lernziele präsentiert. Das Erreichen der definierten Lernziele wird wiederum mithilfe eines Tests und den jeweils einem Lernziel zugeordneten Fragen überprüft.
Der für das Selbststudium konzipierte Typ des Lernziel-orientierten Kurses läuft weitgehend automatisiert ab. Die zu durchlaufenden Tests überprüfen, welche Lernziele noch nicht erreicht und welche Inhalte dafür zur Bearbeitung empfohlen werden. Mit ILIAS 4.3 wird die Erstellung und Durchführung von Kursen dieses Typs noch weiter verbessert und einfacher gestaltet, siehe auch "Revision of Course Learning Objectives View"
Für Blended Learning-Szenarien ist dieser Kurstyp dagegen eher ungeeignet. Es können darin weder Präsenzphasen mittels Sitzungen abgebildet werden, noch haben Tutoren die Möglichkeit steuernd einzugreifen. Ob ein Lernziel erreicht ist und welche Lerninhalte der Teilnehmer noch bearbeiten soll, bestimmt allein der Kurs und seine auf erreichte Punkte in Testfragen basierende Steuerungslogik.

Lernziele generell nutzen

Warum muss eigentlich die Unterstützung von Lernzielen auf einen bestimmten Kurstyp begrenzt sein? Kann die Definition und Präsentation von Lernzielen nicht auch hilfreich sein, um einen Blended Learning-Kurs zu strukturieren? Und warum ist das Konzept des Lernfortschritts nicht stärker mit dem Konzept der Lernziele verbunden? Diese Fragen zu beantworten erscheint mir wichtig, wenn man mit dem Kursobjekt in ILIAS mehr erreichen will als eine zugangsbeschränkte Distributionsplattform für PDF-Dateien.
Bei einem Blended-Learning-Kurs würden Lernziele nicht genutzt werden, um den Kursablauf zu steuern. Statt dessen helfen sie dem Kursautor, die Ziele des Kurses klar zu bestimmen und die im Kurs bereitgestellten Inhalte und Angebote diesen Lernzielen zuzuordnen. Zudem könnten Kurselemente mit Lernfortschritt entsprechende Daten in einer Übersicht bereitstellen.
Kursteilnehmern würde durch die bewusste Nennung der Lernzielen verständlicher, welche Ziele ein Kurs verfolgt und welche Elemente eines Kurses wichtig sind, um die jeweils zugehörigen Lernziel zu erreichen. Der gelegentlich auftretende Eindruck einer gewissen Beliebigkeit bei der Zusammenstellung der Kursinhalte wird so verhindert.
Autoren eines Kurses erleichtern Lernziele wiederum eine sinnvolle und zielführende Zusammenstellung der Kursinhalte. Durch die Zuordnung von Inhalten zu Lernzielen wird schneller ersichtlich, wo noch Bedarf für weitere Kurselemente besteht, damit Kursteilnehmer ein Lernziel erreichen können. Umgekehrt fällt bei der Kurserstellung rasch auf, wenn ein vorgesehener Kursinhalt gar nicht geeignet ist, um eines der Lernziel zu unterstützen.

Lernfortschrittskonzept und seine Schwächen

Spannend könnte die Verbindung der Konzepte Lernziele und Lernfortschritt werden. Eine Schwäche des aktuell in ILIAS umgesetzten Konzepts des Lernfortschritts ist es, dass dieser weniger eine Entwicklung des Lerners als das Erreichen von Status dokumentiert. Ein Kursteilnehmer hat entweder noch nicht mit der Bearbeitung eines Kursinhalts begonnen, bearbeiten diesen gerade oder hat ihn - je nach Objekttyp mit oder ohne Erfolg - abgeschlossen. Dieses Konzept des Lernfortschritts ist dem dem SCORM-Standard entnommen, den ILIAS vollständig unterstützt.
Eine Statusanzeige für einzelne Kursinhalte ist auch durchaus sinnvoll und sollte keineswegs abgeschafft oder geändert werden. Lerner haben einen Test eben bestanden oder nicht, eine Übung bearbeitet oder nicht, bzw. an einer Sitzung teilgenommen oder nicht. Stehen nach erfolgreicher Bearbeitung alle Lernfortschrittsanzeigen auf grün, hat der Kursteilnehmer nach diesem Verständnis den Kurs erfolgreich absolviert. Ob damit aber auch die ohnehin nur impliziten Lernziele des Kurses erreicht sind, sagt diese Sammlung grüner Ampeln nicht unbedingt aus.
Einmal abgesehen vom Objekt Sitzung ab, in dem die Teilnahme an einer Präsenzveranstaltung den Lernfortschritt bestimmt, steht Dozenten kein Kurselement kein Objekttyp zur Verfügung, um eine nicht in ILIAS stattfindende Aktivität in ILIAS abzubilden und damit den Lernfortschritt zu beeinflussen. In der Praxis von Blended-Learning-Szenarien gibt es solche Aktivitäten aber zur Genüge. Dies kann eine Präsentation im Klassenraum, eine Prüfung oder eine Aktivität am Arbeitsplatz sein. Doch selbst wenn es künftig einmal ein solches Aktivitäten-Objekt in ILIAS gäbe, würde sich nichts daran ändern, dass ILIAS weiterhin nur quantitative Aussagen über das Erreichen von Lernstatus macht, nicht aber qualitative Aussagen über erreichte Lernziele.
Sind solche qualitativen Aussagen in einem Lernmanagementsystem überhaupt möglich - oder stossen hier Internet-basierte Technologien an ihre Grenzen?
Vielleicht hilft hier - wie oft beim Thema E-Learning - ein Blick in die nicht-virtuelle Welt des Lehrens und Lernens. Klausuren, Prüfungen und Tests sind anerkannte Formen, um Wissen und Kenntnisse zu überprüfen und damit Aussagen über den Lernfortschritt eines Lerners zu machen. Ob eine konkrete Prüfung tatsächlich so gestaltet ist, um Aussagen über das Erreichen eines Lernziels zu machen, ist vor allem eine methodische Frage. Neben den - sogenannten - schriftlichen Leistungsnachweisen können aber noch weitere Aspekte die Beurteilung eines Lerners beeinflussen. Es sind dies zum Beispiel die Bewertung der Mitarbeit des Einzelnen in der Veranstaltung, die Qualität und die Gestaltung seiner Vorträge oder das in seinen Beiträgen nachgewiesene Verständnis des Lerninhalts. Damit steht Dozenten immer auch ein Korrektiv zur Verfügung, um das Gewicht einer misslungenen Prüfung im Gesamtergebnis zu mindern. Vor allem aber kann über diese Formen der Beurteilung auch zum Ausdruck gebracht werden, ob ein Lerner bestimmte Lernziele erreicht hat.

Konsequenzen für ILIAS

Was bedeutet das bisher geschriebene nun für die Entwicklung und Umsetzung von ILIAS? Was kann verbessert, was muss verändert werden?
  1. In Kursen wird ein neues Objekt „Aktivität“ eingeführt. Mit diesem lassen sich Aktivitäten, die außerhalb von ILIAS stattfinden, innerhalb von ILIAS abbilden. Es handelt sich dabei um ein eher schlank gehaltenes Objekt, das neben Titel und Beschreibung vor allem die entsprechende Aktivität und die jeweilige Umsetzung durch die Teilnehmer beschreibt. Es hat damit den Chararakter eines Protokolls.
    Vor allem aber bietet das Objekt die Möglichkeit, pro Lerner festzulegen, ob diese Aktivität für den jeweiligen Lerner relevant ist und ob dieser an der Aktivität teilgenommen, bzw. diese bestanden oder nicht bestanden hat (wenn damit eine Prüfungssituation abgebildet werden soll). Für eine ausführlichere Beurteilung des jeweiligen Lerners steht ein entsprechendes Feld zur Verfügung. Dozenten können damit über den Lernfortschrittstatus einer solchen Aktivität einen persönlichen Bewertungsaspekt in die Gesamtdarstellung einbringen.
  2. Lernziele stehen generell im Kurs zur Verfügung. Wird die Funktion Lernziele für einen Kurs aktiviert, können Lernziele definiert und Kurselemente den Lernzielen zugeordnet werden. In einer entsprechenden Tabelle wird diese Zuordnung visualisiert. Für alle eingebundenen Kurselemente, die Lernfortschrittsdaten anbieten, wird dort zudem der aktuelle Status des Lernfortschritts angezeigt. Dies schließt auch die Angaben des oben skizzierten Objekts Aktivität ein.
    Dass ein Lerner ein Lernziel erreicht hat, kann entweder manuell vom Tutor festgelegt oder automatisch von ILIAS ermittelt werden. Im letztgenannten Fall gilt ein Lernziel dann als erreicht, wenn alle für seine Bewertung ausgewählten Kurselemente erfolgreich bearbeitet und bestanden worden sind. Alle weiteren Inhalte sind zwar dem Lernziel zugeordnet, beeinflussen aber nicht diesesn Prozess. Damit ein Kursinhalt für die Bestimmung des Lernziels genutzt werden kann, muss es natürlich Lernfortschrittsdaten bereitstellen.
Durch das neue Objekt Aktivität und der damit verbundenen persönlichen Beurteilungsmöglichkeit würde die weiter oben kritisierte mechanistische Handhabung des Lernfortschritts aufgehoben. Gleichzeitig erhält der Kurs durch die Benennung von Lernzielen eine verständlichere und didaktisch klarere Struktur.
Schließlich könnten die Lernziele selbst zu einem wichtigen konzeptionellen Bindeglied werden, um den Lernfortschritt und die damit verbundenen Lerneraktivitäten mit dem Konzept der Kompetenzen zu verknüpfen, das mit dem Kompetenzmanagements in ILIAS 4.2 eingeführt wurde. Das Erreichen eines Lernziele würde dabei als Auslöser für eine Änderung in der Kompetenzmatrix genutzt. Damit wäre das zur Zeit noch fehlende Bindeglied zwischen Kursen bzw. Lernangeboten im Magazin auf der einen und dem Kompetenzmanagement auf der anderen Seite gefunden.

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